
Wenn man sich Nutztiere anschaffen will, wird man früher oder später vor der Frage stehen: Was tun wir mit dem Huhn, Schaf oder Zicklein wenn es stirbt? Unser Ansatz ist es Tiere mit mehrfachem Nutzen zu halten: Hennen legen Eier, Enten fressen Schnecken, Ziegen geben Milch, Schafe zusätzlich Wolle – alle kümmern sich um die Landschaftspflege und düngen mit ihrem Mist. Und was ist mit dem Fleisch? Sollen wir das Tier essen, um von seinem Fleisch Gebrauch machen zu können, obwohl wir Vegetarier sind? Während einem Gespräch mit Gwen, die auch auf dem Hof geholfen hat, meinte sie dass ihr das Fleisch von dem Schaf namens "Fränzchen", das sie gekannt hatte, ehrlich gesagt besser geschmeckt hatte als gekauftes – weil es sich für sie nach einer Art Wertschätzung am Ende des Lebens eines Tieres anfühlte. Die Alternativen wären der Verkauf des Fleischs oder der Container des Schlachthofs, wo die Tiere dann verbrannt werden. Was macht man also wenn ein Tier stirbt? Vielleicht denkst du gerade, dass das dich eh nicht betrifft weil du nicht mit Nutztieren arbeitest oder zusammenlebst. Naja, vielleicht haben es aber deine Großeltern getan oder wussten zumindest wo das Rind, Schwein oder Huhn herkam was sie gegessen haben. Weil Dörfer damals noch viel enger gestrickt waren und das Fleisch auf den Tellern vom Bauern vor Ort kam, nicht aus dem Laden. Heute hingegen, haben die meisten von uns noch nie ein Huhn berührt, geschweige denn ein totes gesehen. Wir haben heutzutage ganz einfach den Bezug zu den Tieren verloren, die uns das Fleisch auf unseren Tellern liefern.

Allgemein konnte ich auf den Höfen meine Berührungsängste allmählich ablegen. Als Birk und ich unser erstes totes Huhn fanden, haben wir es widerwillig und leicht angeekelt mit einem Taschentuch am Fuß hochgehoben und in den Wald geworfen. Und ich glaube auch ehrlich gesagt, dass solche Berührungsängste ganz normal sind wenn man nicht auf einem Hof groß geworden ist. Aber genau so kann auch jeder diese Ängste überwinden. Am Eisathhof sollten eine andere WWOOFerin namens Martha und ich die Hühner mit Hilfe von Ringen markieren, um sie später, wenn sie alle zusammen im Freien waren, zuordnen zu können. Hätte ich gewusst, dass es sich nicht, wie ich geglaubt hatte, um die Küken, sondern um die ausgewachsenen Hennen und leicht furchteinflößenden Hähne handelt, hätte ich es sicherlich nicht von mir aus vorgeschlagen uns darum zu kümmern... Martha war Hühner jedenfalls von Zuhause gewohnt und hat Hennen wie Hähne sehr entschlossen eins nach dem anderen gepackt egal wie sehr sie sich auch wehrten und flatterten, während ich die Ringe an ihren Füßen befestigte. Das fand ich verdammt beeindruckend und hab Martha danach auch meinen größten Respekt dafür ausgesprochen. Ich hingegen hab an dem Tag zum ersten Mal einen Hühnerfuß berührt. Und auch wenn das sich jetzt nach nem sehr kleinen Schritt anhört, hat es mir enorm geholfen und eine Woche später konnte ich problemlos drei tote Hennen mit der bloßen Hand in den Wald tragen, wo ich sie behutsam nebeneinander gelegt habe. So mit geschlossenen Augen sahen sie eigentlich ganz friedlich aus.
Dem Fuchs die toten Hühner hinzulegen, hat auch seinen Nutzen – dann lässt er hoffentlich die Lebendigen in Ruhe. Aber ein Schaf? Oder eine Ziege? Auf einem Hof mit Tieren wird man deutlich häufiger mit dem Tod konfrontiert als im normalen Leben. Es wird einem nochmal deutlich bewusster, dass Sterben Teil vom Leben ist. Und manchmal heißt das dann, dass ein Küken nicht auswachsen wird, weil es einen Kreuzschnabel hat und deshalb nicht mehr richtig essen kann. Dass deine Hunde in den Brutstall einbrechen und die Küken, die vor ein paar Tagen geschlüpft sind, holen. Oder dass ein Schaf keine 2 Jahre alt wird, weil die Würmer dermaßen resistent geworden sind, dass auch mehrere starke Dosen Wurmmittel nichts mehr helfen. Was das Schaf angeht, das habe ich auf der Seite liegend während dem morgendlichen Füttern im Stall gefunden. Sie konnte nicht mehr alleine aufstehen und wenn man sie anhob, ist sie kurz danach wieder von den Beinen gefallen. Michael meinte, dass sie erfahrungsgemäß auch mit erneutem Wurmmittel in 3 Tagen tot sei.
Und was tut man dann? Sie schlachten oder von alleine sterben lassen? Das sind die Entscheidungen die kleine Höfe regelmäßig treffen müssen. Während riesige Höfe, die Massentierhaltung betreiben, die Tiere als "Produkte" sehen, sind es für Kleinbauern eher Arbeitskollegen oder Begleiter. Ich mein, man kümmert sich jeden einzelnen Tag um sie.

Einerseits kannst du dem Tier das Leid ersparen und sein Fleisch essen indem du entscheidest es zu schlachten. Andererseits könntest du entscheiden es noch ein bisschen weiterleben zu lassen, wodurch du das Fleisch wahrscheinlich nicht mehr essen kannst, weil es kurz nach dem Tod verarbeitet werden muss. Denk mal drüber nach...
Zurück zum Schaf - An dem Tag ist es besser geworden nachdem sie Heu gefressen hatte. Ich bin noch ein paar mal leise in den Stall gegangen um zu sehen ob sie noch steht und das tat sie. In den Tagen darauf, hab ich sie morgens hochgehoben wenn sie am Boden lag, sie zur Futterkrippe rüber getragen und ihr Karotten gegeben. Irgendwie war ich froh ihr ein bisschen helfen zu können auch wenn ich wusste, dass die Würmer sich nicht in Luft auflösen würden und man spüren konnte, dass sie stark abbaute. 3 Tage später war sie tot. Und irgendwie war ich froh, dass sie erlöst war, dass ich es noch miterlebt hatte und lernen konnte damit umzugehen. Als ich sie morgens fand, war die Seite auf der sie gelegen hatte noch ganz warm und als ich sie hochhob kam ein letzter Laut aus ihr heraus. Es war mein letzter Arbeitstag und nachdem ich mich von der Herde verabschiedet hatte, streichelte ich, nach kurzem Zögern, auch dem toten Schaf nochmal über den Kopf. Sie sah mit geschlossenen Augen genauso friedlich aus, wie die Hennen es getan hatten.
Als ich früh morgens am nächsten Tag aufbrach, waren die Küken geschlüpft – der Kreislauf des Lebens.

Und genauso wie beim Gemüse, haben wir durch die Industrialisierung und die Bewegung weg von kleinen Höfen hin zur Massenproduktion jeglichen Bezug zu den Tieren, die uns unser Fleisch liefern, und den Kreislauf ihres Lebens verloren.
Wie viele von uns würden wohl noch Fleisch essen, wenn sie das Tier dafür selbst schlachten müssten oder auch nur die Verantwortung für die Entscheidung es zu töten zu tragen hätten?







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