Hippies mit nem Ziel

“Ist ein ganz anderes Umfeld als ich es mir aussuchen würde aber nicht unbedingt im schlechten Sinne, ich glaube es wird mir gut tun.”

Und das hat es. Ich glaube in gewisser Weise musste ich mich in ein komplett neues Umfeld begeben um die starke, fröhliche Seite, die ich so sehr liebe, wiederzufinden. Und das musste ich alleine tun, sonst wäre immer etwas von dem “gewohnten” da gewesen woran ich mich festgehalten hätte. Also bin ich vor 3 Wochen hier auf dem Hof angekommen. Ich trinke nicht, ich rauche nicht und bin saubere Badezimmer gewohnt. Tja, der erste Eindruck war so ziemlich das Gegenteil von alledem. Mein Zimmer war dunkel und da wollte ich nicht bleiben. Also hab ich entschieden was fürs Abendessen zu kochen. In der Küche war Adri gerade dabei den Pizzateig fürs Mittagessen am nächsten Tag vorzubereiten. Und so fing meine Reise an... Später erzählte mir Mathi, wie viel dieses erste gemeinsame Abendessen für sie verändert hatte. Sie war eine Woche vor mir angekommen, in der sie kaum zusammen zu Abend gegessen hatten. Auch Adri, hatte sich bevorzugt in die Privatsphäre seiner Yurte zurückgezogen. Nach diesem ersten gemeinsamen Abendessen an dem Tag, sollten wir noch oft in den darauffolgenden Wochen Abends zusammen sitzen.

Während meiner Zeit auf dem Hof wechselte ich ab und zu in die Vogelperspektive. Und dann kam es schon mal vor, dass ich mich wie ein “intrus” fühlte. So als würde meine “wahre Identität” jeden Moment enthüllt werden und mir zeigen, dass ich hier nicht her gehöre.

Adri and Jessy enjoying the after work

Das passiert in den Momenten in denen mir die quasi nicht-existente finanzielle Sicherheit, schwierige Familiengeschichte oder Drogen Erfahrungen meines Gegenübers bewusst werden. In den Momenten in denen ich draußen sitze und ein Buch darüber lese, wie man schwierige Unterhaltungen zu Themen wie Sexismus, Rassismus und sozialer Ungerechtigkeit führt, während Adri Gitarre spielt. Wenn wir alle zusammen in Mathis Zimmer sitzen und ihr dabei zuhören, wie sie die Kurzgeschichten vorliest, die sie zu genau diesen Themen selbst geschrieben hat. Wenn wir beim See Holz sammeln um ein Lagerfeuer zu machen und Adri beim Singen und Spielen zuhören. In diesen Momenten kommt immer der Punkt an dem ich mir sehr bewusst darüber bin wo ich herkomme. Und ein Teil von mir findet es auch immer noch komisch dort zu sein, anstatt auf dem beruflichen Werdegang, verbunden mit materiellem Glück, der so sorgfältig für mich und so viele andere vorbereitet worden war.

Jessy's selecting seeds


In dem Moment wechsle ich immer in die Vogelperspektive. Und was sagt der Vogel zu mir? Du siehst aus wie ein Hippie. Und um ehrlich zu sein, was ist so schlimm daran? Es gibt viele positive Eigenschaften, die ich damit verbinde “wie ein Hippie auszusehen” – die ruhige, fröhliche Art, die auch banale Dinge zu schätzen und ehrlich den Moment zu genießen weiß – Eigenschaften, die die meisten von uns als Kinder kannten aber seitdem verloren haben. Das sind auch die Momente in denen mir die innere Ruhe und diese ehrliche Zufriedenheit bewusst werden, die ich dabei empfinde dieses Leben leben zu dürfen. Dass ich mich für ein Leben entschieden habe, das mich jeden Tag mit Freude erfüllt anstatt aufs Wochenende, den Urlaub oder sogar den Ruhestand zu warten. Ein Leben, das sich so anfühlt als würde ich das Richtige tun.

Jessy's selecting seeds
Adri collecting sticks for a bonfire by the lake

Und ja, ab und zu gibt es mir dann das Gefühl ein “intrus” oder ein “Hippie” zu sein. Aber ehrlich gesagt hätte ich Mathi und Adri in einem beruflichen Kontext nie kennengelernt und sie zu treffen hat soviel “joie de vivre” in mir ausgelöst. Und ist es nicht das worum es im Leben eigentlich gehen sollte? Es zu genießen? Nicht nur am Wochenende, nicht wenn wir in Rente sind. Jetzt. Die Bindung, die in diesen 3 Wochen entstanden ist, war am Ende soviel mehr wert als alles was ich über den Gemüseanbau im Winter hätte lernen können. Weil es eine wichtige soziale Ebene bei jeder nachhaltigen Lebensweise gibt: die prachtvollsten und leckersten Früchte nur für einen selbst anzubauen ist einfach nicht das Gleiche wie sie in guter Gesellschaft teilen zu können. Und wenn das uns wie Hippies aussehen lässt. Was solls. Wenigstens sind wir Hippies mit nem Ziel.

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